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"Meine" Science Fiction
von Heinz Zwack

Der erste Science Fiction Roman in meinem Leben war Hans Dominik, Das stählerne Geheimnis.


Mein erster (Science Fiction) Zukunftsroman

Ich fand das Buch zerfleddert und ein wenig angekohlt im Frühjahr 1945 in einem Waldstück. Daneben lagen angekohlte Uniformreste. Ein deutscher Soldat hatte wohl so seine Entlassung aus der Wehrmacht auf eigene Faust vollzogen und das Buch nicht mehr gebraucht. Ich, damals neun Jahre alt und vom Lesehunger getrieben, fand das Buch spannend und fing dann an, in der Leihbibliothek nach Ähnlichem zu suchen. Mit Erfolg.

Dass es Science Fiction war, wusste ich natürlich damals nicht; den Begriff kannte in Deutschland wohl niemand, auch wenn um diese Zeit in den USA das "Goldene Zeitalter der Science Fiction" angebrochen war. In Deutschland hießen solche Romane Zukunftsroman, utopischer Roman, utopisch-technischer Roman oder so ähnlich, und was in den Bibliotheken zu finden war, stammte fast ausschließlich aus deutscher Feder, ausgenommen die Bücher von Jules Verne, denen ich mich mangels umfangreichen deutschen Angebots recht bald zuwandte. Die waren übrigens etwa genauso lange vor "meiner Zeit" verfasst wie meine damalige Lektüre aus heutiger Sicht...

Drei, vier Jahre später begann sich in Deutschland das auszubreiten, was man später den Einfluss der Amerikanischen Unterhaltungskultur nannte, und diese Kultur verschaffte dem noch-nicht-ganz-Teenager, der ich damals war, Zugang zu Comic Books: Captain Future, Action Comics, Space Cadet und dergleichen

entführten mich in eine bunte Welt voller Aliens, Raumschiffen und Space-Warp-Antrieben und halfen mir dabei, die englische Sprache in schlichter Form zu erlernen.

In den Leihbüchereien wuchs das Angebot an deutschen Zukunftsromanen (geschrieben meist noch vor dem Krieg, aber auch der eine oder andere Neuzugang), also Werke von Hans Dominik, Paul Eugen Sieg, Rudolf Daumann, Freder van Holk,

Gebr. Weiss, 1955 Glöckner, 1948 Bielmannen, 1952

und auch die ersten Übersetzungen aus dem amerikanischen Englisch tauchten auf. Besonders beeindruckt haben mich damals - inzwischen im reifen Alter von 15 Jahren - Rauchs Weltraumbücher, vier Hard Science Fiction Titel, die der deutsche Philosoph Dr. Gotthard Günther im Rauch Verlage herausgegeben hatte. Der unglaubliche Planet von John W. Campbell hat mich damals am meisten beeindruckt, auch wenn ich sicherlich der Technik noch nicht so richtig folgen konnte.


Rauch, 1952

Ähnlich beeindruckt hat mich aus dem deutschen Sprachraum damals nur Auf zwei Planeten von Kurd Lasswitz (1897).

Elischer, 9.-11. Tsd. Cassianeum, 1948
der liebenswerte an Jugendstil erinnernde Titel der Originalausgabe und die stark gekürzte "Sparausgabe", die kurz nach der Währungsreform erschien

In der Leihbücherei war ich damals fast jeden Tag und schäme mich heute auch nicht, wenn ich gestehe, dass ich manchmal ein nachts unter der Bettdecke ausgelesenes Buch am nächsten Tag mit der Bemerkung "Habe mich getäuscht, das kannte ich schon" wieder zurückgebracht habe. Vielleicht hat man mich durchschaut, aber ich war trotz meines bescheidenen Taschengelds doch ein recht guter Kunde. Und die Bücher mit ihren schreiend bunten Titelbildern in pflegeleichtem Supronyl-Einband waren auch zu schön. Man konnte sie auch gut in der Schule unter der Bank lesen ...

Und dann setzte allmählich der Englischunterricht ein und bei mir die Erkenntnis, dass man ja mal versuchen könnte, solche Bücher in der Originalsprache zu lesen, auch wenn der Wortschatz noch etwas knapp war. Aber das Wichtigste konnte man ja nachschlagen und einiges lernte man einfach aus dem Zusammenhang. Den Rat, übrigens, durch mutiges Lesen eine Sprache zu erlernen, habe ich in späteren Jahren und schon als etablierter Übersetzer oft und mit Erfolg weitergegeben.

Die einzelnen Stationen, die vom Leser deutscher und/oder deutschsprachiger Zukunftsromane über den Comic-Leser, den (radebrechend) englischsprachige-Bücher-Leser schließlich zum Übersetzer führten, werden wahrscheinlich niemanden sonderlich interessieren, daher sei nur aus Gründen der historischen Genauigkeit vermerkt, dass mein erstes "richtiges" englischsprachiges Buch A. E. van Vogts The Voyage of the Space Beagle war, das ich verschlungen habe. Muss wohl so 1952 gewesen sein, das wunderschöne, stark vergilbte und fast zerfallene Taschenbuch mit seinem herrlichen Cover zum Preise von 25 Cent in meinem Bücherschrank trägt jedenfalls dieses Erscheinungsdatum.


Mein erster "echter" US Science Fiction Roman

(Nach einer damals stark gekürzten Übersetzung von Jesco von Puttkamer im Utopia Großband mit dem Titel Unternehmen Milchstraße und einigen Ausgaben bei AWA und Heyne erschien im Heyne Verlag 1992 in der BIBLIOTHEK DER SCIENCE FICTION LITERATUR als Band # 83 eine liebevoll bearbeitete Übersetzung von Prof. Rainer Eisfeld, die sich auch mit der Erscheinungsgeschichte des Romans (ursprünglich als vier lose zusammenhängende Storys erschienen) detailliert auseinandersetzt und äußerst lesenswert ist):

Etwa um die Zeit fing die Science Fiction an, in Deutschland hoffähig zu werden, der Pabel Verlag brachte die Utopia Hefte heraus, Moewig schloss sich bald darauf mit Terra an und eine Gruppe gleich Gesinnter trat wie ich in den - von Walter Ernsting und ein paar Kollegen gegründeten - Science Fiction Club Deutschland (SFCD) ein. Man redete dort über Science Fiction, bewunderte Autoren der ersten Stunde wie Walter Ernsting, der mit dem legendären Coup, sein Erstlingswerk als Übersetzung auszugeben, damals seine Karriere begonnen hatte, und schwelgte in jenen begeisternden späten fünfziger Jahren, als es in Deutschland aufwärts ging und wir allmählich wieder Anschluss an die Welt fanden, und alle voll Technikbegeisterung und Euphorie waren, nicht nur was die Science Fiction anging .

Ich hatte 1954 mein Abitur gemacht, drei Jahre formalen Englischunterricht gehabt und dazu die Erkenntnisse aus bestimmt schon zwei oder drei Dutzend gelesenen englischsprachigen SF-Titeln in mir angesammelt und war jetzt überzeugt, dass ich es schaffen würde, Romane meines Lieblingsgenres ins Deutsche zu übersetzen. Walter Ernsting als Science Fiction Lektor von Pabel schenkte dem Anfänger Vertrauen und übergab mir das ungeheuer grausige (wie ich heute finde) Werk Curse of the Planet Kuz von Erle van Loden, das dann auch bei Utopia als Fluch der Vergangenheit erschien.


Meine erste Übersetzung

Nicht lange danach, und damit schließt sich jetzt die Kette zu den vielen Leihbüchern, die ich früher verschlungen hatte, bot mir Heinz Bingenheimer, Inhaber des Buchclubs Transgalaxis, ein Buch einer schon wesentlich höheren Qualitätsstufe zum Übersetzen an, nämlich Poul Andersons War of the Wingmen, das er im Eigenverlag in Kooperation mit dem Zimmermann Verlag herausbringen wollte. Mein erstes Hardcover. Ein Buch übrigens, das mir, gemessen an damaligen Honoraren, über die Jahre durchaus Glück brachte, erschien es doch später noch einmal bei Moewig als Heft und dann, wieder ein paar Jahre später, im Ullstein Verlag als Taschenbuch. Ich konnte meine Übersetzerarbeit also immerhin dreimal verkaufen.

An diesem Punkt sind vielleicht ein paar Worte zu den Hintergründen des Übersetzens angebracht, also wie das damals lief, wie es bezahlt wurde und was für Probleme es gab. Alles natürlich hier nicht als Versuch einer allgemeingültigen "Job Description", sondern einfach als sozusagen autobiografischer Beitrag gedacht:

Arbeit gab es damals eigentlich genug, wenn man die richtigen Leute kannte, selbst ein paar ordentlich übersetzte Titel vorweisen konnte und nicht im Ruf totaler Unzuverlässigkeit hinsichtlich Termintreue stand. So hatte ich keine Mühe, sowohl von Pabel als auch von Moewig Übersetzungen für Heftromane und von den Leihbuchverlagen Zimmermann, Bewin, Engelbert solche für Leihbücher zu bekommen.

Im Hauptberuf war ich in der Exportabteilung eines namhaften Industrieunternehmens tätig (das von meiner Nebentätigkeit nichts wissen sollte, daher benutzte ich recht bald für meine Übersetzungen das Pseudonym "Heinz Nagel"). Die nebenberufliche Übersetzertätigkeit erlaubte es mir und meiner jungen Familie in relativ jungen Jahren, eine erste Eigentumswohnung zu erwerben und damit gewisse materielle Sicherheit zu schaffen. Und darüber hinaus machte sie mir einen Riesenspaß, denn - und das wird jeder Übersetzer bestätigen - nie liest man ein Buch so gründlich als wenn man es übersetzt ...

Die Übersetzungsarbeit war durch zwei Parameter stark beeinträchtigt: Zum einen verlangten die Heftverlage einen Umfang von zweihundertvierzigtausend Anschlägen, die Leihbuchverlage dreihundertsechzigtausend, um damit den kostengünstigen Umfang des deutschen Titels nicht zu überschreiten. Das bedeutete, dass man manchmal stark kürzen musste, im Extremfall konnte das bis zu fünfzig Prozent des ursprünglichen Volumens ausmachen. "Das kriegen Sie schon irgendwie hin" war die stereotype Forderung aus den Lektoraten. Das war nicht immer leicht und sorgte in jedem Fall dafür, dass sich die Übersetzungen sehr stark auf Handlung und nicht so sehr auf Hintergrundgeschehen, Milieu, Personenbeschreibung und so weiter konzentrierten. Das Programm war recht gemischt, es gab reine Abenteuerschmöker, bei denen das Kürzen viel Mühe bereitete, weil sie ohnehin schon auf Action getrimmt waren, es gab auch "bessere" Titel, bei denen so viel Fleisch von den Knochen gehobelt werden musste, dass am Ende von Qualität nicht mehr viel übrig blieb. Ich denke heute mit Entsetzen an eine Philip K. Dick Übersetzung, die ich auf diese Weise mit Sicherheit verhunzt habe (Time out of Joint - ZEIT OHNE GRENZEN).

Hoffentlich habe ich diese Scharte bei Mr. Dick (und seinen deutschen Lesern) dadurch ausgewetzt, dass ich später sein (mir liebstes) Werk The Man in the High Castle (DAS ORAKEL VOM BERGE) im König Verlag übersetzt und herausgegeben habe, als ich während des kurzen Lebens der Taschenbuchsparte dieses Verlages dort als Science Fiction Herausgeber fungierte ...

Und - das war seltener - es kam auch vor, dass das Lektorat einen zu Eingriffen in die Substanz aufforderte, also "da kommt eine Mondexpedition vor, das ist heute nicht mehr in, machen Sie den Mars draus". Ich gebe zu, dass das ein Extremfall war, etwa zu vergleichen der kompletten Verlagerung der - hier geht es nicht um Science Fiction - Schwarzen Fledermaus Handlung von New York nach Chicago, weil ja Chicago schließlich die Hauptstadt des Verbrechens in den USA war und "der Leser das erwartet". Ich habe damals mit einem Stadtplan von Chicago gearbeitet und später Bauklötze gestaunt, als ich das erste Mal nach Chicago kam und den richtigen Maßstab dieser Stadt kennen lernte.

Und dann war da der Jugendschutz. Die Verlage hatten sich verpflichtet, in ihren Werken "Schund und Schmutz" zu vermeiden und diese Filteraufgabe an die Übersetzer delegiert. Zu blutrünstige Schlägereien galt es also zu entschärfen, Sex (der im damals sehr prüden Amerika bei weitem nicht wie im heutigen Umfang in die "Literatur" eingegangen war) war tunlichst völlig zu entfernen. Wenn es gar nicht mehr anders ging, machte man eben Sternchen und überbrückte damit die eine oder andere Stunde, in der es vielleicht zur Sache ging.

Die Honorare waren recht bescheiden, Mitte der fünfziger Jahre wurden für eine Heftübersetzung 200 DM, für eine Leihbuchübersetzung 300 DM, vielleicht auch mal 400 DM bezahlt, und das steigerte sich dann im Laufe der Jahre, aber sehr langsam. Zum Vergleich: eine Stenotypistin verdiente Mitte der fünfziger Jahre etwa 200 DM im Monat, ein qualifizierter kaufmännischer oder technischer Angestellter um die 500 DM.

Typischerweise kauften die Verlage in jenen Jahren ja ziemlich wahllos zusammen, was der Markt (günstig) zu bieten hatte. Auf die Weise entstand eine recht bunte Programmmischung, in der sich ein Arthur C. Clarke, ein Philip K. Dick und andere heute hoch angesehene Klassiker durchaus neben Vielschreibern wie Robert Moore Williams, E. C. Tubb oder John Brunner finden konnten.

Für die Leihbuchverlage zu übersetzen war deshalb angenehm, weil dort selten so viel Zeitdruck gemacht wurde wie bei den Heftverlagen, aber dafür war auch seltener ein Auftrag zu bekommen.

Vielleicht noch etwas zu meiner Technik des Übersetzens:
In den ersten Jahren habe ich auf einer alten Schreibmaschine herumgehämmert, ohne es je gelernt zu haben, also nach dem Motto "Wer sucht, der findet". Anschließend mussten die Manuskripte natürlich überarbeitet, Tippfehler ausgebessert und Formulierungen "fein poliert" werden. Da die Schreibmaschinen (ein Gerät, das ja bald Museumscharakter haben dürfte) damals weder einen Speicher noch ein Korrekturprogramm besaßen, konnte es durchaus sein, dass das Manuskript am Ende so viele Korrekturen aufwies, dass ich es wohl oder übel noch einmal abtippen musste. Das war, wirtschaftlich betrachtet, nicht sehr angenehm, also lohnte es sich, schon beim ersten Mal gründlich nachzudenken, was und wie man es sagen wollte.

Da ich recht gut beschäftigt war, manchmal im Monat zwei oder drei Heftchen und ein Leihbuch schaffen musste, kam ich recht bald auf die Idee, dass man ja auch diktieren könnte.

Ich habe mir also ein Tonbandgerät angeschafft, ein technisches Monstrum mit Röhren und Spulen und einem Magnetband, das sich dauernd verhedderte, und dazu ein zweites mit angeschlossenem Fußschalter, mit dem in den ersten Jahren meine Frau, später dann freiberufliche Helferinnen meine Manuskripte getippt haben. Die Technik wurde dann im Lauf der Zeit immer besser, an die Stelle der großen Spulen und der sich leicht verheddernden Bänder traten kleine Kassetten, die die älteren Leser vielleicht noch unter dem Namen Kompakt-Kassetten kennen und die mit dünnen und sich etwas seltener verheddernden Bändern operierten. Die dritte Generation arbeitete mit Mikrokassetten, die sich ebenfalls (aber jetzt deutlich seltener) verhedderten. Gelegentlich bedeutete dieser Bandsalat eben, dass man zwei, drei Stunden Diktat noch einmal wiederholen musste. Und dann, jetzt bin ich allerdings fast an der Jahrhundertwende angelangt, kamen schließlich die eleganten Speicherchips, bei denen ein derartiges Malheur ausgeschlossen war. Auf einen solchen diktiere ich übrigens auch das, was Sie jetzt gerade lesen, werde es anschließend per E-Mail zum Schreiben schicken und später dafür einen sauberen, bequem zu redigierenden und formatierenden Text bekommen. Kurd Lasswitz und Hans Dominik hätten gestaunt ...

Teilweise war diese Arbeitsweise den Lektoraten äußerst suspekt, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass dabei etwas Ordentliches rauskommt. Ich habe dagegen immer behauptet, dass gerade Dialoge schließlich Sprache und nicht Schreibe sind und muss im Übrigen natürlich den Lesern das Urteil über die Qualität des Gelieferten überlassen.

Ich möchte noch den Sprung in die Gegenwart versuchen. Ende der achtziger Jahre hatte ich - eigentlich - aufgehört, Science Fiction zu übersetzen (aber keineswegs zu lesen!) und mich mehr der amerikanischen Gegenwartsliteratur, hauptsächlich dem Thriller zugewandt. Zum Einen, weil es besser bezahlt war, zum anderen, weil auch das Angebot an Science Fiction immer dünner wurde. Schließlich waren kaum mehr Aufträge zu bekommen, nicht zuletzt weil eine jüngere Garde von Übersetzern nachdrängte und mir so mancher Verlag unter Hinweis auf mein gesichertes Pensionseinkommen und meine angenehmen Lebensumstände keine Aufträge mehr geben wollte.

Dass mir dann vor ein paar Jahren, mehr durch Zufall, Heyne eine Military Reihe (John Ringo, William C. Dietz, David Drake) übertrug, für die ich an die zwanzig Bände übersetzt habe, verschafft mir auch im "reifen" Alter noch viel Befriedigung und erlaubt es mir, zielgerichtetes Gehirntraining zu treiben.

In den Jahren im Hauptberuf, in denen ich schließlich bis in den Vorstand meines Unternehmens aufstieg und damit nicht mehr viel Zeit zum Übersetzen und auch kein materielles Motiv dafür hatte, hat es mir immer so viel Spaß gemacht, nebenbei in einer ganz anderen Welt zu leben, dass ich nie ganz auf den ungemein spannenden Reiz, in zwei Sprachen und zwei Welten zu leben, verzichten wollte. Und das ist heute nicht anders.

(Die von mir unter eigenem Namen und Pseudonym übersetzten SF-Leihbücher sind übrigens lückenlos in der SF-Leihbuch-Datenbank enthalten.)